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Der wachsame Blick: Aufmerksamkeit und Achtsamkeit im Alltag

Aufmerksamkeit und Achtsamkeit – eine Kunst im oft hektischen Alltag. Doch was ist eigentlich der Unterschied dieser zwei Begriffe und warum sind sie für unseren Erfolg so wichtig? So viel sei verraten: Bewusste Präsenz im Hier und Jetzt schafft eine tiefe Verbindung zu uns selbst und unserer Umgebung.

Erfahren Sie in dieser Folge:

  • Wie unsere Wahrnehmung unser Handeln beeinflusst.
  • Warum wir oft Schönheit und Talent im Alltag übersehen.
  • Welche Rolle Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für ein erfülltes Leben spielen.

Sie haben Fragen und Anregungen?

Dann schreiben Sie mir gerne eine Nachricht an: thomas.kapp@allscout.de

 

Oder wenn Sie lieber lesen möchten, geht es hier weiter mit dem Text zum Podcast.

Herzlich willkommen allseits. Ich begrüße Sie zu unserer neuen Folge von Startrampe Erfolg – Wo ist mein Zünder? Heute sprechen wir über Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. 

Wie immer beginnen wir mit einer Geschichte:

Es ist ein eiskalter Januarmorgen in einer Metro-Station in Washington DC. Ein Mann spielt für fast 45 Minuten auf seiner Violine sechs Stücke von Johann Sebastian Bach. Etwa 1.000 Menschen passieren ihn auf ihrem Weg in die Subway. Zahlreiche Menschen gehen achtlos an ihm vorbei, nach 3 Minuten bemerkt ein Passant den Geiger, verlangsamt seinen Schritt und schreitet weiter. Nach 4 Minuten wirft eine Frau dem Geiger einen Dollar in seinen Korb. Nach 6 Minuten lehnt ein junger Mann sich an die Wand, um zuzuhören, um nach einem Blick auf seine Uhr weiterzugehen. Nach 10 Minuten bleibt ein dreijähriger Junge stehen und möchte der Musik lauschen, aber seine Mutter zieht ihn weiter. In dieser Art geht es weiter, bis der Geiger nach 43 Minuten sein „Konzert“ beendet. Dann sind mehr als 1.000 Menschen an dem Straßenmusiker vorübergelaufen, sechs Menschen waren stehengeblieben und hörten ihm kurz zu, eine Frau erkannte ihn. Mit ca. 20 Spenden nahm er 32 Dollar ein. Niemand applaudierte.

Was keiner ahnte: Der Violinist war Joshua Bell, ein weltberühmter Musiker. Er spielte an diesem Morgen u.a. eines der schwersten Musikstücke der Musikliteratur auf einer der kostbarsten und teuersten Stradivari-Violinen der Welt. Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell die gleiche Musik bei einem Konzert in Boston für einen durchschnittlichen Eintrittspreis von 100 Dollar pro Platz gespielt. Das Ganze ist wirklich passiert: Joshua Bell spielte verkleidet als Straßenmusiker in einer U-Bahn-Station. Dies war ein Experiment der US-Tageszeitung „Washington Post“ („Joshua Bell Experiment“).

Was bedeutet das nun für unsere Startrampe Erfolg?

Aufmerksamkeit mit engem und weitem Blick

Das Joshua Bell Experiment wirft einige Fragen auf: Können wir Schönheit und Talent in einem alltäglichen Umfeld erkennen? Nehmen wir im Alltag solche Schönheit und Talente wahr, wenn wir in Eile und mit dem Kopf woanders sind? Wenn wir uns nicht einmal die Zeit nehmen, einem der besten Musiker der Welt zuzuhören, wie viele andere Gelegenheiten verpassen wir in unserem Leben, wenn wir stets durch unseren Alltag hasten?

Diese kleine Geschichte sollte uns nachdenklich machen. 

Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sind wichtig in unserem Leben. Sie sind auch wichtig für unseren Erfolg und unser Lebensglück. Abstrakt haben wir das alle schon gehört, und manche geben sich auch Mühe, im Alltag aufmerksam und achtsam zu sein. Schauen wir uns diese Kategorie deshalb etwas näher an! Zunächst bedarf es einer wichtigen Klarstellung: Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sind nicht das Gleiche.

Aufmerksamkeit ist Fokus und Konzentration. 

  • Fokus ist wie ein Brennglas und bringt die Energie auf den entscheidenden Punkt, er ist die Ausrichtung auf ein Ziel. Fokus hat daher im Kern eine offensive Qualität.
  • Konzentration sorgt hingegen dafür, Ablenkungen von diesem Fokus auszuschalten. Konzentration hat daher im Kern eine defensive Qualität.

 

„Fokus“ und „Konzentration“ haben beide einen verengenden Blick und sind daher Facetten der Aufmerksamkeit „mit engem Blick“. Viel weniger beachtet wird leider die „B-Seite“ der Aufmerksamkeit, nämlich die Aufmerksamkeit mit „weitem Blick“ − die Achtsamkeit.

Achtsamkeit ist zwar eine bestimmte Form von Aufmerksamkeit, jedoch geht es nicht um verengende Fokussierung und Konzentration auf ein bestimmtes Objekt, sondern eher das Gegenteil: Der Achtsame hat keinen engen Blick, sondern einen weiten. Während der Aufmerksame sich anstrengt, sich zu fokussieren und zu konzentrieren, wird der Achtsame geprägt durch eine umfassende, anstrengungslose, klare und bewertungsfreie Offenheit für alle Wahrnehmungen in seiner Umgebung und in sich selbst. Manche sprechen von einer „Panorama-Bewusstheit“. Achtsamkeit kennt die Qualitäten offensiv oder defensiv nicht!

Der Achtsame weitet also seinen Blick, der Aufmerksame verengt ihn. Achtsamkeit als Konzept ist sehr stark durch den Buddhismus geprägt worden, hat aber seit geraumer Zeit auch die „westliche“ Zivilisation erreicht. Allerdings ist im Rahmen der Wellness-Bewegung die Achtsamkeit etwas in eine Ecke von Stressbewältigung und Entspannungstherapie geraten. Daran ist nichts verkehrt. Wichtig ist mir nur, dass Achtsamkeit ein Konzept im Aktivmodus ist, welches über die Bereiche „Entspannung“ und „Stressbewältigung“ weit hinausgeht. Achtsamkeit ist eine bewusste Grundhaltung.    

Für ein erfolgreiches Leben brauchen wir sowohl Aufmerksamkeit wie auch Achtsamkeit. 

Beispiel:

Ein Jäger in der afrikanischen Savanne muss nicht nur aufmerksam, also fokussiert und konzentriert, mit seinem Gewehr auf das Wild zielen, er muss auch achtsam sein, um nicht auf eine Schlange zu treten. 

Verweilen wir noch kurz beim Aspekt der Konzentration. Konzentration ist dazu da, Störungen wie Lärm, Licht, ablenkende Gedanken (z.B. ungelöste Probleme, nächster Urlaub) und Gefühle (z.B. Müdigkeit, Langweile, Hunger) oder sonstige Ablenkungen (z.B. Smartphone, Tablet) im Zaum zu halten. Fokus ist ohne Konzentration denkbar, Konzentration ist ohne Fokus unmöglich, weil es nicht zu „schützen“ gibt. Nicht jeder, der einen Fokus hat, ist konzentriert. Aber jeder, der sich konzentriert, hat einen Fokus. 

Beispiel:

Ein Manager kann sich ein Konzert anhören und doch mit den Gedanken „im Büro“ sein. Wenn die Musikkritikerin sich jedoch dasselbe Konzert anhört, um es am nächsten Tag zu rezensieren, dann muss sie fokussiert und konzentriert sein. 

Was ist der praktische Nutzen dieser „Spiegelfechtereien“ mit Begriffen? Ich denke, es hilft uns bei Konzentrationsschwächen genauer zu untersuchen, ob es tatsächlich die „Ablenkungen“ sind, die unsere Konzentration stören, oder ob möglicherweise unser Fokus, unser Ziel, unsere Motivation oder gar unsere (vermeintlichen) Motive eine Schwäche haben. Wenn Fokus, Ziel, Motivation oder Motive nämlich nicht stark sind, werden wir bei der Konzentration immer Schwierigkeiten haben. 

Wenn wir also Probleme mit unserer Konzentrationsfähigkeit haben und uns leicht ablenken lassen, sollten wir uns ehrlich fragen, ob wir auf tieferliegenden Ebenen wie Ziel, Motivation oder Motiv ein Defizit zu verzeichnen haben. Sollten wir diese Frage bejahen, so können wir das Problem an der Wurzel anpacken und auf „Konzentrationsübungen“, die nur an der Oberfläche kratzen, verzichten. Wir sollten uns daher stets des Abhängigkeitsverhältnisses von Fokus, Konzentration und Ablenkung bewusst sein. 

Aufmerksamkeit mit weitem Blick: Die Achtsamkeit

Achtsamkeit ist Aufmerksamkeit mit einem weiten Blick. Manchmal ist im Leben gerade ein zu enger Blick unser Problem („Tunnelblick“). Unser Streben nach Konzentration darf nicht zu Scheuklappen und zur verblendeten Engstirnigkeit führen, die uns mehr schadet als nutzt. Der achtsame Mensch weitet seinen Blick, um möglichst viele Objekte wahrzunehmen. Er geht in eine vollständige Präsenz. Achtsamkeit wird heute daher häufig mit dem Leben im Moment, im „Hier und Jetzt“ gleichgesetzt. Ursprünglich eine uralte buddhistische Lebenspraxis, ist es seit der 68er Revolution zum Mantra für eine „erwachte“ Elite, Yogalehrer und Lebensberater geworden. Solange dieses Mantra unsere Achtsamkeit stärkt, wir mehr erfahren und erleben sowie an der Verbesserung unserer Selbsterkenntnis arbeiten, ist es zu begrüßen. 

Nun wird das Leben im „Hier und Jetzt“ zuweilen dahingehend missverstanden, dass wir nicht mehr an die Zukunft oder die Vergangenheit denken sollen. Dieses Missverständnis müssen wir ausräumen: Wir können nicht nur im Moment leben, sondern wir müssen auch für morgen planen, sonst verhungern wir und werden nie ein Dach über dem Kopf haben. Wir müssen auch unsere Erfahrungen von gestern heranziehen, sonst machen wir immer wieder die gleichen Fehler und lernen überhaupt nichts. In beiden Fällen würde ein bloßes Leben in der Gegenwart zur völligen Aufgabe von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung führen. 

Die Antwort kann nur sein, dass wir in allen drei Zeitzonen leben sollten, d.h., eine angemessene Balance zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Nur in der Gegenwart können wir leben und etwas er-leben. Aber nur mit Hilfe von Vergangenheit und Zukunft können wir planen, Visionen entwickeln, Erfahrungen verwerten, lernen etc.

Für heute sind wir damit fast am Ende. Wie immer gibt es für Sie noch zwei Impulse, liebe Leserinnen und Leser, ein kleine Zen-Geschichte und eine Frage zum Nachdenken.

Zunächst die Zen-Geschichte:

„Ein Schüler fragte seinen Meister: „Kann ich irgendetwas für meine Erleuchtung tun?” „Genauso wenig, wie du steuern kannst, dass die Sonne morgens aufgeht.” „Wozu soll ich dann all die Übungen praktizieren?” „Dann bist du wach, wenn die Sonne aufgeht.”

Und die persönliche Frage für Sie lautet:

– Wie aufmerksam sind Sie – und wie achtsam?

Das war es für heute. 

In der nächsten Folge am 3. Juli sprechen wir über gute und schlechte Entscheidungen.

Bis dahin verbleibe ich mit den besten Wünschen, Ihr Thomas Kapp

Dr. Thomas Kapp

Chopinstraße 23
70195 Stuttgart

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